Und wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer kommen, öffnet sich ein neues Kapitel im internationalen Machtpoker um Seltene Erden.
Die deutsche Regierung gibt nun offen zu: „Die Abhängigkeit lässt sich nicht kurzfristig auflösen.“ Gemeint sind die chinesischen Exportkontrollen für Seltene Erden – jene Rohstoffe, ohne die moderne Rüstung, Energietechnik und Kommunikation in Europa schlicht nicht funktionieren. Doch jetzt braucht jedes in Deutschland gefertigte Produkt, das chinesische Seltene Erden enthält, eine Exportlizenz aus China. Die Bearbeitungsdauer? – Variabel.
Das klingt nach Bürokratie, ist aber in Wahrheit ein strategisches Machtinstrument. Denn wer über die Ressourcen und ihre Genehmigungssysteme für Seltene Erden bestimmt, kontrolliert die Produktionskette. Genau das tut China gerade – und Europa spürt die Folgen seiner Abhängigkeit.

1. Exportlizenzen als geopolitisches Werkzeug
China liefert mehr als 90 Prozent der weltweit verarbeiteten Seltenen Erden. Europa und die USA haben es jahrzehntelang zugelassen, dass diese Abhängigkeit von Seltenen Erden wuchs – aus Kostengründen, aus Bequemlichkeit, aus kurzfristigem Denken.
Dabei war das Risiko seit über einem Jahrzehnt bekannt. Schon in den frühen 2010er-Jahren warnte die EU-Kommission in mehreren Berichten vor der massiven Importabhängigkeit bei kritischen Rohstoffen – insbesondere bei Seltenen Erden. Doch statt gezielt zu investieren, wurde das Thema vertagt. Fördergelder blieben klein, Forschungsinitiativen verliefen im Sande. Brüssel wusste um das Problem, entschied sich aber für wirtschaftliche Ruhe statt strategische Weitsicht.
Mit den neuen Exportlizenzen zementiert Peking nun seine Stellung. Für jedes Produkt, das Komponenten mit chinesischen Seltenen Erden enthält und exportiert wird, müssen Unternehmen in Europa Genehmigungen beantragen. Die Entscheidung darüber kann Tage dauern – oder Monate. Damit erhält China einen beispiellosen Hebel über globale Lieferketten.
Im Klartext: Chinas Genehmigungstempo kann über europäische Produktionsstopps, Marktanteile oder gar strategische Projekte entscheiden.
Europa reagiert erneut nur zögerlich. Zwar gibt es Anstrengungen, die Abhängigkeit von Seltenen Erden zu verringern – etwa durch das EU Critical Raw Materials Act – doch zwischen Ankündigung und Umsetzung liegt ein tiefer Graben. Während man in Brüssel Strategiepapiere schreibt, setzt Peking längst globale Standards.
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2. Welche Alternativen gibt es?
Die entscheidende Frage lautet: Wie kann Europa seine Versorgungssicherheit bei Seltenen Erden ohne China gewährleisten? Drei Ansätze zeichnen sich ab:
a) Recycling und Rückgewinnung Seltenen Erden
Unternehmen wie Urban Mining oder ReElement Technologies forschen an Methoden, um Seltene Erden aus Elektroschrott, alten Magneten oder Batterien zu extrahieren. Die Technologie ist vielversprechend, aber teuer. Aktuell liegt der Rückgewinnungsanteil bei unter 10 Prozent der globalen Nachfrage nach Seltenen Erden.
b) Neue Bezugsquellen und Partnerschaften
Australien, Kanada und einige afrikanische Länder investieren in neue Minen und Verarbeitungsanlagen. Besonders Australien gilt als strategischer Partner der USA – im Tausch gegen militärische Unterstützung (Stichwort: Atom-U-Boote für Rohstoffe). Europa hingegen hat bisher keine vergleichbare Vereinbarung. Ohne eigene Rohstoffpolitik bleibt es Spielball im globalen Wettlauf um Seltene Erden.
c) Innovation: Motoren und Batterien ohne Seltene Erden
Forschungszentren in Deutschland, Frankreich und Japan arbeiten an neuen Elektromotoren, die ohne Neodym oder Dysprosium auskommen. Auch bei Batterien gibt es Fortschritte, etwa bei Natrium-Ionen-Technologien. Diese Ansätze sind technisch faszinierend, aber der industrielle Durchbruch steht noch aus.
Am Ende dieses Spektrums zeichnet sich nun auch geopolitische Bewegung ab: Laut aktuellen Berichten hat US-Präsident Donald Trump in Tokio gemeinsam mit Japans neuer Premierministerin Sanae Takaichi ein Abkommen über die Lieferung und Verarbeitung von Seltenen Erden unterzeichnet. Japan will die militärische Produktion beschleunigen und gleichzeitig den Westen mit wichtigen Rohstoffen versorgen. Dieses Abkommen könnte den Einfluss Chinas auf die globale Rohstoffversorgung erstmals ernsthaft herausfordern – und eröffnet auch Europa neue strategische Optionen für Kooperationen. Ein Signal, das Brüssel aufmerksam studieren sollte.
3. Wie realistisch ist die Unabhängigkeit?
Selbst wenn Europa massiv investiert, dauert der Aufbau einer funktionsfähigen Recycling- und Verarbeitungsindustrie für Seltene Erden Jahre. Fachleute sprechen von mindestens 5 bis 10 Jahren, um nur einen Bruchteil der aktuellen Nachfrage selbst zu decken.
Eine realistische Zielmarke wäre, bis 2035 rund 25 bis 30 Prozent der Nachfrage über Recycling und neue Bezugsquellen für Seltene Erden zu decken. Der Rest bliebe weiterhin importabhängig.
Das Hauptproblem ist weniger technischer als politischer Natur: Es fehlt an strategischer Koordination. Während China seine Rohstoffpolitik wie ein Schachspiel plant, agiert Europa reaktiv, getrieben von Krisen und kurzfristigen Wirtschaftsinteressen. Die jahrelangen Warnungen wurden ignoriert – jetzt sind die Spielräume eng.
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4. Elektronik ohne Seltene Erden – Traum oder nächster Markt?
Ganz ohne Seltene Erden wird es auf absehbare Zeit kaum gehen. Ihre magnetischen, elektrischen und optischen Eigenschaften sind einzigartig. Dennoch entsteht eine neue Nische: Substitutionsmaterialien für Seltene Erden.
Unternehmen wie Infineon, Siemens oder BASF experimentieren mit alternativen Legierungen und Halbleitermaterialien. Sollte es gelingen, nur 10 Prozent der Seltenen Erden zu ersetzen, würde das den Markt dramatisch verschieben – und China spürbar schwächen.
Europa könnte dabei eine Vorreiterrolle einnehmen, wenn Forschung und Industrie enger verzahnt agieren. Für Start-ups, Technologieunternehmen und Investoren tun sich hier neue Chancen auf: Recycling, Substitution, Materialeffizienz.
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5. Fazit: Europas Weckruf
Chinas Exportlizenzen für Seltene Erden sind kein Verwaltungsakt, sondern ein geopolitisches Signal. Sie zeigen, dass wirtschaftliche Abhängigkeit längst ein Machtinstrument geworden ist.
Europa steht an einem Scheideweg: Entweder es bleibt reaktiver Beobachter, oder es nutzt die Krise, um endlich eine eigenständige Rohstoffstrategie für Seltene Erden zu entwickeln.
Die EU wusste seit Jahren, dass die Kontrolle über Seltene Erden zur Machtfrage werden würde – und hat dennoch gezögert. Jetzt wird sichtbar, was strategisches Zögern bedeutet: Verlust an Einfluss, Abhängigkeit von autoritären Regimen und fehlende Handlungsfähigkeit in der Krise.
Was bedeutet das für Europa konkret?
Es ist höchste Zeit für einen Kurswechsel. Forschung, Recycling und neue Allianzen bei Seltenen Erden müssen zur geopolitischen Priorität werden. Europa muss von der Verteidigung in den Angriff übergehen – und endlich seine eigene Ressourcenstrategie schreiben, bevor andere weiter über sie entscheiden.
Credits:
„The Mountain Pass Rare Earth Mine & Processing Facility is the only active and scaled rare earth mining and processing facility in the United States. The facility is owned by MP Materials.“, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mountain_Pass_Rare_Earth_Mine_%26_Processing_Facility.jpg, von Tmy350, lizenziert unter CC BY-SA 4.0 – https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en. Bearbeitung: Keine.
„Die Staatsoberhäupter der BRICS-Staaten am 28.6.2019 in Osaka, Japan. Von links nach rechts: Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Wladimir Wladimirowitsch Putin, Präsident Russlands, Jair Bolsonaro, Präsident Brasiliens, Narendra Modi, Premierminister Indiens und Cyril Ramaphosa, Präsident der Republik Südafrika.“, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Informal_meeting_of_the_BRICS_during_the_2019_G20_Osaka_summit.jpg,
von Alan Santos/PR, lizenziert unter CC BY 2.0 – https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en. Bearbeitung: Keine.
„These rare-earth oxides are used as tracers to determine which parts of a watershed are eroding. Clockwise from top center: praseodymium, cerium, lanthanum, neodymium, samarium, and gadolinium.“, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rareearthoxides.jpg, von Peggy Greb – US department of agriculture – http://www.ars.usda.gov/is/graphics/photos/jun05/d115-1.htm.
„On the sidelines of the BRICS summit in Kazan, President of Russia Vladimir Putin met with General Secretary of the Chinese Communist Party Xi Jinping.“, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Xi_Jinping_at_a_meeting_with_Vladimir_Putin_(2024)_3x4_portrait.jpg, von President of Russia – Attribution: Kremlin.ru, lizenziert unter CC BY 4.0 – https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en. Bearbeitung: Hintergrund entfernt und ersetzt, Farbe verändert.
“ Friedrich Merz (Joachim-Friedrich Martin Josef Merz), Politiker (CDU)”, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20240417-Friedrich_Merz_1808.jpg, von Michael Lucan, lizenziert unter CC-BY-SA 3.0 de –https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode. Bearbeitungen: Hintergrund entfernt und ersetzt, Farbe verändert.
Musik: Heavy Drums Bass von Audionautix unterliegt der Lizenz Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 4.0“. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Künstler: http://audionautix.com/

