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LinkedIn, KI und der stille Raub: Wie Plattformen mit deinen Texten bares Geld machen

Von einem Risk & Intelligence Analyst

LinkedIn wirkt heute wie eine Bühne für Thought Leadership. In Wahrheit entwickelt es sich immer mehr zu einer Rohstoffbörse für Texte – und viele merken nicht, dass sie dort längst nicht mehr Autor:innen, sondern Lieferanten sind.

Was wirklich passiert: LinkedIn wird abgeerntet

Agenturen, Marketingfirmen und KI-Startups crawlen LinkedIn, sammeln Beiträge, Kommentare und Artikel, füttern diese in KI-Modelle und generieren daraus neue Texte für Kunden. Formal sehen diese Texte neu aus. Inhaltlich sind sie abgeleitete Kopien – strukturell, argumentativ und stilistisch.

Das ist kein Graubereich. Es ist unfreie Bearbeitung. Und damit urheberrechtlich problematisch.

Die Illusion der Sicherheit auf LinkedIn

LinkedIn suggeriert: Du postest, also gehört es dir. In Wahrheit gibt es dort keinen stabilen Zeitstempel, keine gerichtsfeste Archivierung, keine Kontrolle über Bearbeitungen und keinen Beweis, wenn jemand deinen Text zuerst gepostet hat.

Warum eine eigene Website strategisch überlegen ist

Sobald du deine Texte auf deiner eigenen Website veröffentlichst und auf LinkedIn nur noch verlinkst, passiert etwas Entscheidendes:

  • Der Volltext liegt nicht mehr im LinkedIn-Datenpool
  • Scraper sehen nur noch einen Teaser
  • Die Inhalte liegen auf einer individuellen Domain mit klarer Urheberschaft
  • Das rechtliche Risiko für Weiterverwertung steigt massiv

Für Copycats gilt plötzlich: hoher Aufwand + hohes Risiko = nicht mehr attraktiv. Also gehen sie woanders fischen.

Eine eigene Website ist nicht nur Marketing – sie ist Beweissicherung. Datierte Originalveröffentlichung, Suchmaschinenindexierung, Archivierung. Wenn jemand später deinen Text kopiert oder per KI umschreibt, kannst du zeigen: Mein Original war zuerst da.

Warum KI LinkedIn-Texte so wertvoll findet

Der Zweck dieser Entwicklung ist klar: Die Inhalte dienen als Trainings- und Optimierungsdaten für KI‑Systeme. LinkedIn‑gefällige Texte – also solche, die viele Likes erzeugen, weil sie das aussprechen, was viele denken oder fühlen – sind besonders wertvoll. Sie zeigen, welche Narrative, Trigger und Formulierungen kollektive Zustimmung erzeugen. Genau dieses Material macht KI‑Modelle besser darin, Menschen zu beeinflussen, zu binden und zu steuern.

Langfristig hat das negative Effekte auf die Plattform: Inhalte werden homogener, weil KI‑optimierte Texte immer wieder das reproduzieren, was bereits gut funktioniert. Originale Stimmen gehen im Rauschen unter, während polierte, gefällige Beiträge dominieren. In den nächsten fünf Jahren können Nutzer:innen mit mehr Oberflächlichkeit, mehr algorithmischer Verstärkung von Mainstream‑Narrativen und weniger Raum für echte, unbequeme Gedanken rechnen.

Wenn Gedanken zu Daten werden – warum das auch ein Datenschutzproblem ist

Was hier passiert, ist nicht nur Urheberrechts‑ oder Intellectual Property‑Thematik. Es ist auch Datenschutz. Texte, Likes, Kommentare und Argumentationsmuster enthalten personenbezogene Informationen: Meinungen, Weltbilder, politische Haltungen und psychologische Profile. Wenn KI‑Systeme diese Inhalte automatisiert sammeln und auswerten, entsteht Profiling im Sinne der DSGVO.

Gerade die Kombination aus Text + Reaktion (Likes, Shares, Kommentare) ist für KI besonders wertvoll, weil sie zeigt, welche Formulierungen Menschen emotional binden. Das ist Behavioral Data – und damit hochsensibel. Plattformen versuchen, sich diese Nutzung über AGB zu sichern, doch für Autor:innen bedeutet das: Ihre Persönlichkeit wird zur Trainingsmasse.

Warum das so brisant ist: Profiling erlaubt es, Menschen in Kategorien einzuordnen, ihre Vorlieben, Ängste und politischen Neigungen vorherzusagen und sie gezielt zu beeinflussen – etwa durch personalisierte Werbung, Feed‑Priorisierung oder die Verstärkung bestimmter Narrative. Die DSGVO sieht genau deshalb strenge Regeln für automatisierte Entscheidungen und Profiling vor, weil daraus Diskriminierung, Manipulation und wirtschaftliche Benachteiligung entstehen können. Wenn deine Texte und Reaktionen als Trainingsdaten dienen, wird nicht nur dein Werk, sondern auch deine Person wirtschaftlich verwertet – ohne Transparenz, ohne Einwilligung im engeren Sinn und ohne Beteiligung.

Deine eigene Website reduziert dieses Risiko. Du bestimmst Tracking, Zugriff und Zweckbindung – und behältst die Kontrolle darüber, wie deine Gedanken verarbeitet werden.

Wie sich LinkedIn künftig verändern wird

LinkedIn entwickelt sich weg von einer Netzwerkplattform hin zu einer Content-Rohstoffquelle. KI-gestützte Agenturen, Scraper und Plattform-Features werden Inhalte zunehmend automatisiert auslesen, neu verpacken und weiterverteilen. Der Algorithmus wird dabei kurze, leicht verwertbare Formate bevorzugen – nicht Tiefe oder Originalität. Für Autor:innen bedeutet das: Wer nur innerhalb von LinkedIn veröffentlicht, liefert seine Arbeit in ein System, das strukturell auf Weiterverwertung und Entwertung ausgelegt ist.

Wer gewinnt, wer verliert

Plattformen gewinnen. Agenturen gewinnen. KI-Firmen gewinnen. Einzelne Autor:innen verlieren doppelt: Sie liefern wertvollen Content gratis – und müssen anschließend auch noch für Reichweite bezahlen, wenn sie sichtbar bleiben wollen, während ihre besten Gedanken auf fremden Plattformen verwertet werden.

Warum Content ein (noch) unterschätzter Vermögenswert ist

KI hat Content von Output zu Rohstoff gemacht. Früher war Text etwas, das Menschen lesen. Heute ist Text etwas, das Maschinen verwerten. LLMs, Empfehlungsalgorithmen, Ranking‑Systeme und Werbe‑KI brauchen echte menschliche Sprache, echte Emotionen, echte Denkstrukturen und echte Narrative.

  • Jeder gute Artikel ist Trainingsmaterial.
  • Jeder virale Post ist Verhaltensdaten.
  • Jeder gut geschriebene Gedanke ist Modell‑Optimierung.

Die Nachfrage steigt.

Gleichzeitig wird echter Content knapper. KI erzeugt Milliarden Texte – aber sie sind generisch, glatt, ohne echte Erfahrung und ohne innere Kohärenz. Wertvoll werden originelles Denken, persönliche Perspektiven, klare Argumentationsketten und psychologische Tiefe. Angebot an Text steigt, Angebot an wertvollem Text sinkt: klassische Rohstoff‑Inflation.

Wie Autor:innen ihr Asset schützen und im Wert steigern

Ein Autor befreit sich, wenn er aufhört wie ein Creator zu handeln und anfängt wie ein Asset‑Manager.

Produktion vs. Distribution trennen: Dein Werk gehört auf dein Territorium. Plattformen sind Lautsprecher. Website = Eigentum, LinkedIn = Reichweitenkanal.

Zeitgestempeltes Archiv bauen: Datierte Artikel, Serien, Versionen und Backups erzeugen geistige Historie → Beweis → Markenwert.

Erkennbare Handschrift entwickeln: KI kann Stil kopieren, aber keine kognitive Architektur. Unverwechselbare Perspektive = Asset.

Eigene Kontakte sammeln: Follower sind geliehen. E‑Mail, Mitgliederbereich und Stammleser sind Besitz.

Plattformen strategisch nutzen: Für Sichtbarkeit, Traffic und Verweise – nicht für Selbstwert. Likes sind KI‑Signale, kein Vermögenswert.

In Intellectual Property denken, nicht in Posts: Artikel sind Buchkapitel, Kursmodule, Essays, Forschungsnotizen. So steigt ihr Wert über Zeit.

Q&A – KI, stiller Raub und geistiges Eigentum

Was bedeutet „KI und stiller Raub“?
Damit ist gemeint, dass Inhalte automatisiert gesammelt, analysiert und von KI‑Systemen verwertet werden, ohne dass Urheber:innen daran beteiligt oder entschädigt werden.

Ist KI‑Umschreiben legal?
Wenn Struktur, Argumentation oder Ausdruck erkennbar abgeleitet sind, handelt es sich um unfreie Bearbeitung – das ist urheberrechtlich problematisch.

Warum sind LinkedIn‑Likes so wichtig für KI?
Likes sind Trainingssignale. Sie zeigen KI‑Modellen, welche Formulierungen, Narrative und Emotionen Menschen binden.

Wie schütze ich meine Inhalte konkret?
Durch Veröffentlichung auf eigener Domain, Zeitstempel, Archivierung, klare Autorenschaft und den Einsatz von Plattformen nur als Verteiler.

Warum ist Content heute ein Asset?
Weil er Trainingsmaterial für KI, Grundlage für Reichweite und monetarisierbares Intellectual Property ist – ein Rohstoff mit steigender Nachfrage.

Warum ist „KI stiller Raub“ auch ein Datenschutzproblem?
Weil Texte, Likes und Kommentare personenbezogene Daten enthalten. In Kombination erlauben sie Profiling über Meinungen, Weltbilder und psychologische Muster – das fällt unter die DSGVO.

Was bedeutet Profiling konkret für Autor:innen?
KI kann vorhersagen, welche Inhalte du schreibst, wie Menschen reagieren und wie man dich oder dein Publikum gezielt beeinflusst (Feed‑Priorisierung, Werbung, Narrative).

Ist das rechtlich relevant?
Ja. Die DSGVO stellt strenge Anforderungen an automatisierte Verarbeitung und Profiling, weil daraus Manipulation, Diskriminierung und wirtschaftliche Nachteile entstehen können.

Die neue Realität

Sichtbarkeit ohne Eigentum ist Enteignung. Wer heute schreibt, braucht nicht nur Kreativität, sondern Infrastruktur. Eine eigene Website ist deine Rechtsposition im Zeitalter der KI.

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