Die Situation, die viele Senior Experts bei der Bewerbung kennen
Eine Senior Expert Bewerbung ist keine klassische Bewerbung.
Zumindest sollte sie das nicht sein.
Senior Experts – also Fachkräfte mit 10+ Jahren Erfahrung in Bereichen wie IT, Technik, Engineering oder Produktentwicklung – werden meist nicht zufällig eingeladen.
Sie werden kontaktiert, weil Rollen schwer zu besetzen sind, Projekte stocken oder Verantwortung neu verteilt werden muss.
Typische Ausgangslage bei einer Senior Expert Bewerbung:
- hoher Bedarf an Erfahrung
- wenig passende Profile am Markt
- kritische oder strategische Rolle
Eigentlich beste Voraussetzungen.
Und trotzdem kippt der Rahmen im Gespräch oft überraschend früh.
Die scheinbar harmlose Frage
„Warum haben Sie sich heute bei uns beworben?“
Auf den ersten Blick eine Standardfrage.
Sachlich. Neutral. Erwartbar.
Doch für Senior-Profile hat sie eine andere Wirkung.
Die subtile Statusumkehr
Die Frage verschiebt unbemerkt den Rahmen:
- Nicht mehr: „Wie nutzen wir Ihre Erfahrung?“
- Sondern: „Warum sollten wir Sie überhaupt brauchen?“
Plötzlich steht nicht mehr die Kompetenz im Mittelpunkt,
sondern die Rechtfertigung der eigenen Anwesenheit.
Für Junior-Profile ist das normal.
Für Senior-Expert:innen ist es ein Statusbruch.
Warum diese Frage problematisch ist
In reifen, professionellen Kontexten gilt:
Seniorität bewirbt sich nicht – sie wird eingeladen.
Wenn eine Organisation einen Senior-Experten einlädt, dann weil:
- Expertise fehlt
- Erfahrung gebraucht wird
- Verantwortung geteilt werden soll
Die Frage nach der Motivation kehrt dieses Verhältnis um.
Unabsichtlich oder absichtlich?
Unabsichtlich passiert das, wenn:
- Interviewleitfäden ungefiltert übernommen werden
- Junior- und Senior-Profile gleich behandelt werden
- Führung nicht zwischen Motivation und Mandat unterscheidet
In diesen Fällen ist es Gedankenlosigkeit, kein Kalkül.
Absichtlich passiert es, wenn:
- Kontrolle wichtiger ist als Kompetenz
- Status über Hierarchie definiert wird
- Unabhängige Expertise als Bedrohung empfunden wird
- Loyalität höher bewertet wird als Urteilskraft
Dann dient die Frage nicht der Information –
sondern der Positionsklärung.
Woran du erkennst, welche Variante vorliegt
Manchmal reicht eine einzige Antwort, um Klarheit zu bekommen.
Ich habe auf die Frage
„Warum haben Sie sich heute bei uns beworben?“
einmal geantwortet:
„Weil Sie mich eingeladen haben.“
Begleitet von einem ruhigen, leicht belustigten Lächeln.
Die Reaktion des zukünftigen Vorgesetzten:
- ein irritierter Blick
- Schweigen
Kein Nachfragen.
Kein Anknüpfen.
In diesem Moment war klar: Das Gespräch war innerlich beendet.
Nicht, weil die Antwort provokant gewesen wäre –
sondern weil sie den impliziten Statusrahmen sichtbar gemacht hat.
Wer diese Klarheit nicht halten kann,
war auf eine andere Art von Antwort angewiesen:
- auf Rechtfertigung
- auf Motivationserzählung
- auf implizite Unterordnung
Die Reaktion danach ist oft aussagekräftiger als die Frage selbst.
Eine reifere Alternative
In professionellen Settings wird der Rahmen anders gesetzt.
Nicht über Rechtfertigung, sondern über Wirksamkeit:
„Was müsste hier gegeben sein, damit Ihre Erfahrung bei uns Wirkung entfalten kann?“
Diese Formulierung:
- anerkennt Seniorität
- klärt Erwartungen
- wahrt Augenhöhe
- lädt zu geteilter Verantwortung ein
Weiterführende Artikel für Senior Experts
- Von Krise zu Kompetenz – Eine andere Perspektive auf Führung
- Bewerbung als Senior: DAS ist eine Falle!
- „Warum komme ich nicht weiter, obwohl ich gut bin?“ So vermeidest du den Karriere-Stillstand
- Wenn Führung Sicherheit braucht statt Kompetenz
- Interne Bewerbung DSGVO: Muss der Vorgesetzte informiert werden?
Fazit
Wenn Seniorität subtil abgewertet wird, geschieht das selten laut.
Es passiert über Rahmensetzung.
Über Fragen.
Über implizite Rollenverteilung.
Nicht jede Organisation meint es böse.
Aber jede Organisation zeigt damit, wie sie mit Erfahrung umgeht.
Und genau das solltest du ernst nehmen.
Q&A: Häufige Fragen zur Senior Expert Bewerbung
Muss sich ein Senior Expert überhaupt bewerben?
Formal ja. Strukturell nein.
Eine Senior Expert Bewerbung ist keine Rechtfertigung der eigenen Existenz, sondern eine gegenseitige Klärung von Wirkung, Verantwortung und Rahmenbedingungen.
Ist die Frage „Warum haben Sie sich beworben?“ bei Senior Experts problematisch?
Nicht die Frage an sich ist entscheidend, sondern die Haltung, aus der sie gestellt wird. Bei Senior Experts wird darüber oft nicht Motivation erfragt, sondern geprüft, ob sie bereit sind, ihre Einladung nachträglich zu rechtfertigen. Wird die Antwort genutzt, um Kompetenz und Passung einzuordnen, ist sie harmlos – wird sie jedoch genutzt, um implizite Unterordnung oder Dankbarkeit einzufordern, verschiebt sich der Statusrahmen zulasten der Erfahrung.
Was bedeutet Augenhöhe in einer Senior Expert Bewerbung konkret?
Augenhöhe bedeutet, dass nicht um Zustimmung geworben wird, sondern Verantwortung und Wirkung geklärt werden. Es geht darum, welche Rolle du einnimmst, welchen Entscheidungsspielraum du hast und wofür du tatsächlich verantwortlich bist – nicht darum, ob du dich ausreichend motiviert oder anpassungsbereit zeigst.
Eine Senior Expert Bewerbung ist damit kein Loyalitätscheck, sondern eine gegenseitige Prüfung von Passung, Klarheit und Tragfähigkeit.
Woran erkenne ich, dass ich als Senior Expert am falschen Ort gelandet bin?
Wenn du im Gespräch merkst, dass du:
- dich rechtfertigen sollst statt gefragt zu werden
- Loyalität liefern sollst statt Urteilskraft
- Unsicherheit ausgleichen sollst statt Wirkung zu entfalten
Dann ist die Senior Expert Bewerbung faktisch bereits entschieden – unabhängig vom fachlichen Fit.

