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Systemische Widersprüche, unternehmerische Unsicherheit und Orientierung – Von der angenommenen Ordnung zur Realität

Für: Geschäftsführung
Datum: 2025-12-27
Zeithorizont: Jetzt → 36 Monate

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1️⃣ Die angenommene Ordnung

Auf den ersten Blick wirkt alles ruhig. Die Straßen sind voll, die Geschäfte geöffnet, Termine werden eingehalten. Menschen gehen zur Arbeit, holen ihre Kinder von der Schule ab, buchen Urlaube, zahlen Rechnungen. Auch Unternehmen senden nach außen Normalität: Produkte werden ausgeliefert, Dienstleistungen erbracht, Quartalszahlen veröffentlicht. Die Oberfläche des Alltags – privat wie wirtschaftlich – vermittelt Stabilität. Diese Normalität ist jedoch weniger ein Zustand als ein Arrangement – ein stabil wirkender Bezugsrahmen, der in modernen Gesellschaften und Unternehmen zunehmend auf Annahmen statt auf belastbarer Planbarkeit beruht. Sie lebt davon, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden müssen. Solange Umsätze noch fließen, Kredite bedient werden können und operative Abläufe funktionieren, entsteht der Eindruck, dass das System im Kern trägt. Strategische Risiken werden vertagt, technologische Brüche als Chancen gerahmt. Auch Künstliche Intelligenz (KI) fügt sich zunächst nahtlos in diese angenommene Ordnung ein. Sie erscheint als Fortschrittsversprechen, als Effizienzgewinn, als logischer nächster Schritt. Präsentationen, Pilotprojekte und Machbarkeitsstudien erzeugen das Gefühl von Kontrolle. Die Botschaft lautet: Wir sind vorbereitet. Diese angenommene Ordnung hat eine beruhigende Wirkung. Sie erlaubt es, weiterzuarbeiten, Entscheidungen aufzuschieben und bestehende Strukturen nicht grundsätzlich infrage stellen zu müssen. Doch sie basiert weniger auf Stabilität als auf Gewohnheit – und auf der Hoffnung, dass sich tiefgreifende Veränderungen kontrollieren lassen. Solange Veränderungen fragmentiert auftreten, können sie integriert werden. Ein Preisanstieg hier, eine neue Technologie dort – alles scheint beherrschbar. Die Oberfläche bleibt glatt.

Orientierung: Die angenommene Ordnung ist kein Zeichen realer Stabilität, sondern ein psychologischer Schutzrahmen, der es erlaubt, Widersprüche auszublenden, solange sie nicht unmittelbar handlungsrelevant werden.

2️⃣ Das verdrängte Risiko

  • Beobachtung 1 – Ökonomische Erosion: Inflation, steigende Abgaben und sinkende Kaufkraft wirken nicht punktuell, sondern dauerhaft. Für Unternehmen bedeutet das schrumpfende Margen bei gleichbleibenden Fixkosten. Dennoch wird diese Entwicklung häufig als Übergang dargestellt – als Phase, die sich von selbst normalisieren werde.
  • Beobachtung 2 – Technologischer Entscheidungsdruck: KI wird implementiert, während Architekturfragen, Skalierbarkeit, Wartbarkeit und rechtliche Rahmenbedingungen ungeklärt bleiben. Entscheidungen werden unter Zeitdruck getroffen, nicht aus Reife, sondern aus Angst, den Anschluss zu verlieren.
  • Beobachtung 3 – Politisch-regulatorische Volatilität: Regeln ändern sich schneller, als Unternehmen reagieren können. Maßnahmen, die als Ausnahme eingeführt werden, etablieren sich als neuer Standard. Planungssicherheit wird durch nachträgliche Anpassung ersetzt.


Diese Risiken sind sichtbar, aber schwer einzuordnen. Denn würden sie zusammengedacht, müsste der gesamte Bezugsrahmen von Wachstum, Sicherheit und Kontrolle neu bewertet werden. Genau deshalb bleiben sie verdrängt.

3️⃣ Die reale Wirkung

  • Bedeutung: Für Unternehmer, Geschäftsführer und strategische Entscheider verdichten sich diese Entwicklungen zu einer permanenten Unsicherheitslage. Entscheidungen müssen getroffen werden, obwohl verlässliche Grundlagen fehlen.
  • Risiko: Unternehmertum wird zum Träger systemischer Risiken, ohne dass entsprechende Schutzmechanismen existieren. Fehlentscheidungen – insbesondere im technologischen Bereich wie bei KI – sind kostspielig, langfristig wirksam und oft irreversibel.
  • Timing: Die Wirkung dieser Entscheidungen zeigt sich zeitverzögert. Was heute als Innovation gilt, kann sich morgen als strukturelle Fehlarchitektur erweisen. Unternehmen funktionieren weiter, aber auf Kosten von Substanz, Vertrauen und Zukunftsfähigkeit.


Hier kulminieren die zuvor beschriebenen Widersprüche: ökonomisch, politisch und technologisch. Unternehmertum wird zum Frühindikator gesellschaftlicher Instabilität.

4️⃣ Orientierung statt Lösung

  • Bedeutung: Orientierung bedeutet nicht, Lösungen anzubieten, sondern den eigenen Standort realistisch zu bestimmen – jenseits von Narrativen, Förderlogiken oder Technologieversprechen..
  • Risiko: Wer Orientierung mit schnellen Antworten verwechselt, verstärkt den Aktionismus und reproduziert genau jene Fehlentscheidungen, die die Unsicherheit weiter erhöhen.
  • Timing: Orientierung ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie entsteht dort, wo Widersprüche benannt werden dürfen, ohne sofort aufgelöst zu werden.


Die offene Frage bleibt: Was geschieht mit Gesellschaften und Unternehmen, die an einer angenommenen Ordnung festhalten, während sich ihre strukturellen Grundlagen bereits verschoben haben? Und was passiert, wenn Entscheidungen weiterhin unter Unsicherheit getroffen werden, ohne dass diese Unsicherheit selbst thematisiert wird? Diese Fragen verlangen keine schnellen Antworten. Aber sie verlangen, gestellt zu werden.