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Aktualisiert am: 12. April 2026
Sie sitzen vor der gleichen Frage wie gerade tausende Unternehmer weltweit: Die Ware ist unterwegs – oder schlimmer, sie steht. Container blockiert, Route gesperrt, Kosten laufen. Und die erste Antwort vom Versicherer klingt ernüchternd: „Krieg ist ausgeschlossen.“
Das Problem ist: In genau diesem Moment greifen mehrere Systeme gleichzeitig ineinander – Versicherung, Logistik, Vertragsrecht. Wer hier nicht versteht, wie diese Zahnräder funktionieren, verliert schnell fünf- oder sechsstellige Beträge.
Dieser Artikel gibt Ihnen eine klare Roadmap durch genau dieses Chaos.
Der größte Denkfehler: Viele Unternehmer gehen davon aus, dass ihre Warentransportversicherung „alles rund um den Transport“ abdeckt.
Das stimmt nicht.
Die klassische Transportversicherung deckt in der Regel nur Sachschäden an der Ware ab. Also:
Was sie fast immer nicht abdeckt:
Und genau hier beginnt das Problem bei bewaffneten Konflikten.
Wenn ein Schiff wegen einer Blockade – etwa in der Straße von Hormus – nicht weiterfahren kann, entsteht zunächst kein Schaden an der Ware. Es entsteht ein Verzögerungsschaden. Und der ist in Standard-Policen fast immer ausgeschlossen.
Zusätzlich greifen sogenannte Kriegsausschlüsse.
Hier kommt ein zentraler Begriff ins Spiel: War Risk Deckung (eine Zusatzversicherung speziell für Kriegs- und Krisenrisiken, die nicht automatisch enthalten ist).
Diese spezielle Versicherung deckt Risiken durch Krieg, Piraterie oder staatliche Eingriffe ab. Aber: Sie ist fast nie automatisch enthalten.
Noch kritischer wird es durch die sogenannte War Risk Notice of Cancellation (eine kurzfristige Kündigungsklausel, mit der Versicherer den Schutz für Kriegsgebiete oft innerhalb weniger Tage beenden können).
Versicherer können bei steigender Eskalation in einer Region den Schutz kurzfristig kündigen – oft innerhalb von 7 Tagen, teilweise sogar 48 oder 72 Stunden.
Das bedeutet konkret:
Ihre Ware kann unterwegs sein – und währenddessen verliert Ihre Police genau für dieses Risiko ihre Gültigkeit.
Ob Sie am Ende Geld sehen oder nicht, entscheidet sich oft an einer einzigen Frage:
Was ist die effiziente Ursache des Schadens?
Wenn der Versicherer argumentiert:
Wenn Sie argumentieren können:
Diese Abgrenzung ist juristisch extrem fein.
Genau hier entstehen Spielräume.
Zum Beispiel:
In solchen Fällen kann es sein, dass nicht mehr nur eine Verzögerung vorliegt, sondern ein versicherbarer Eingriff.
In der Praxis sehe ich immer wieder denselben Fehler: Unternehmer warten.
Das ist gefährlich.
Denn sobald ein Schaden droht, greift die sogenannte Sue and Labour / Mitigation Duty – also die Pflicht zur Schadensminderung (Sie müssen aktiv handeln, um Schäden zu reduzieren, sonst riskieren Sie Ihren Versicherungsschutz).
Das bedeutet:
Sie müssen aktiv alles tun, um den Schaden zu begrenzen.
Und noch wichtiger:
Sie müssen es dokumentieren.
Ein typisches Beispiel ist die Umleitung über das Kap der Guten Hoffnung.
Diese Route ist deutlich länger, verursacht höhere Treibstoffkosten und verzögert die Lieferung massiv. Trotzdem kann sie notwendig sein, um das Risiko zu reduzieren.
Wenn Sie diese Entscheidung sauber dokumentieren und idealerweise mit dem Versicherer abstimmen, können diese Mehrkosten unter Umständen als Rettungskosten anerkannt werden.
Wenn Sie nichts tun, riskieren Sie, dass der Versicherer später argumentiert:
„Sie hätten den Schaden reduzieren können – haben es aber nicht getan.“
Während alle auf den Transport schauen, läuft im Hintergrund eine zweite Kostenlawine.
Lager- und Standgelder (Demurrage & Detention) (Gebühren, die anfallen, wenn Container zu lange im Hafen oder außerhalb stehen und nicht bewegt werden).
Container stehen im Hafen – und jede Stunde kostet.
Diese Kosten sind in den meisten Fällen:
In Krisensituationen gibt es aber Spielräume.
Reedereien und Logistiker gewähren teilweise verlängerte Freitage – aber nur, wenn Sie aktiv verhandeln und die Situation nachweisen.
Viele Unternehmer stellen sich die falsche Frage:
„Wer zahlt das?“
Die richtige Frage lautet:
„Wer trägt das Risiko – genau jetzt?“
Die Antwort liegt in Ihren Incoterms (internationale Lieferbedingungen, die genau festlegen, wann Risiko und Kosten vom Verkäufer auf den Käufer übergehen).
Bei Klauseln (Incoterms) wie:
1. CIF / CIP
Wo geht das Risiko über?
Im AbgangshafenWer zahlt bei einer Blockade?
Der Verkäufer muss die Versicherung abschließen, aber das Risiko geht beim Verladen auf den Käufer über.
👉 Bei einer Blockade muss der Käufer den Schaden oft über die Versicherung des Verkäufers abwickeln.2. FOB / EXW
Wo geht das Risiko über?
Im Werk / HafenWer trägt das Risiko wirklich?
Das Risiko liegt ab dem Start beim Käufer. Er muss sich selbst um die Versicherung kümmern.
👉 Steckt die Ware fest, trägt der Käufer alle Kosten und Risiken allein.3. DDP / DAP
Wo geht das Risiko über?
Am ZielortWer bleibt auf den Mehrkosten sitzen?
Der Verkäufer trägt das Risiko bis zur Haustür des Käufers.
👉 Bei einer Blockade bleibt der Verkäufer auf Kosten für Umleitungen oder Verluste sitzen.
Das bedeutet konkret:
Je nach Klausel kann dieselbe Blockade in der Straße von Hormus für den einen Partner einen versicherten Vorfall bedeuten, während der andere auf den Kosten für Standgeld und Umleitung sitzen bleibt.
Gerade bei „schwimmender Ware“ wird dieser Punkt oft erst geprüft, wenn es zu spät ist.
Viele hoffen, dass Force Majeure (Höhere Gewalt) die Lösung ist.
In der Realität ist es komplizierter.
Damit Force Majeure greift, müssen Sie zeigen:
Genau hier kommt die Kausalität ins Spiel.
Sie müssen belegen können, dass:
Nicht Ihre Planung das Problem war – sondern der Konflikt.
Dafür sind Dokumente entscheidend:
Nur dann können Sie Vertragsstrafen (Penalties) abwehren.
Die Situation verschärft sich zusätzlich durch aktuelle Entwicklungen:
War Risk Surcharges Hormuz 2026 (Kriegszuschläge für gefährliche Seegebiete wie die Straße von Hormus) steigen massiv – teilweise um ein Vielfaches.
Versicherer reagieren mit:
Parallel wird Sanktions-Compliance 2026 immer strenger.
Das bedeutet:
Selbst wenn Sie zahlen wollen, kann es sein, dass Zahlungen rechtlich problematisch werden.
Das betrifft:
Zusätzlich entstehen neue Risiken wie Crew-Festsetzungen – hier greifen spezielle Policen wie Kidnap & Ransom (K&R) (Spezialversicherung für Entführungen oder Festsetzungen von Crews durch staatliche oder kriminelle Akteure).
Lassen Sie Ihre aktuelle Police noch heute auf die ‚War Risk Notice of Cancellation‘ prüfen. Kontaktieren Sie Ihren Makler aktiv, bevor die 48-Stunden-Frist verstreicht.
Fazit: Sie sind nicht machtlos
Die wichtigste Erkenntnis:
Sie befinden sich nicht in einem unkontrollierbaren Chaos.
Sie befinden sich in einem System aus Regeln.
Und wer diese Regeln versteht, hat Handlungsspielraum.
Der Unterschied zwischen Verlust und Schadensbegrenzung liegt oft nicht im Ereignis – sondern in der Reaktion.
Wenn Ihre Ware feststeckt oder aufgrund der Kriegslage umgeleitet werden muss, sollten Sie diese Schritte sofort einleiten, um Ihre Ansprüche zu sichern:
Prüfen Sie sofort, ob eine separate „War Risk“-Deckung (Kriegsversicherung) besteht. Standard-Policen schließen Kriegshandlungen meist aus. Prüfen Sie auch die Kündigungsfristen (oft nur 7-Tage- oder 72-Stunden-Fristen für Kriegsgebiete!)
Sie sind gesetzlich verpflichtet, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Dokumentieren Sie alle Versuche, die Ware anderweitig zu transportieren oder zu sichern. Wichtig: Stimmen Sie teure Umleitungen (z. B. Kap der Guten Hoffnung) vorab schriftlich mit Ihrem Versicherer ab, um die Kostenerstattung als „Rettungskosten“ zu sichern.
Lassen Sie sich vom Frachtführer (Reederei) schriftlich bestätigen, dass die Verzögerung/das Festhalten direkt auf kriegerische Ereignisse oder hoheitliche Eingriffe zurückzuführen ist. Dies ist entscheidend, um die „effiziente Ursache“ gegenüber der Versicherung zu belegen.
Wer trägt aktuell das Risiko? Prüfen Sie Ihren Kaufvertrag. Bei Klauseln wie CIF oder CIP muss der Verkäufer den Versicherungsschutz nachweisen. Bei FOB oder EXW liegt das Risiko bereits beim Käufer.
Informieren Sie Ihre Kunden proaktiv über „Höhere Gewalt“. Prüfen Sie, ob Sie ein Force-Majeure-Zertifikat (z. B. von der IHK) benötigen, um sich gegen drohende Vertragsstrafen (Penalties) wegen Lieferverzugs zu schützen.
Klären Sie mit der Reederei/dem Logistiker, ob aufgrund der Ausnahmesituation die freien Tage für Containerstandgelder verlängert werden können. Dokumentieren Sie diese Zusatzkosten separat.
Verlassen Sie sich nicht auf Standard-Absagen der Versicherer. Die Abgrenzung zwischen einem (ausgeschlossenen) Verzögerungsschaden und einem (versicherten) hoheitlichen Eingriff ist oft Millimeterarbeit im Wording Ihrer Police.
Das hängt stark von der War Risk Deckung und den Kündigungsmechanismen ab. Viele Versicherer nutzen die War Risk Notice of Cancellation, um sich bei Eskalationen schnell aus Risikogebieten zurückzuziehen. Entscheidend ist der Zeitpunkt: War die Ware bereits unterwegs, als die Kündigung wirksam wurde, kann es Übergangsregelungen geben. Ohne separate Kriegsdeckung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass kein Schutz besteht.
Umleitungskosten – etwa über das Kap der Guten Hoffnung – können unter bestimmten Umständen als Rettungskosten im Sinne der Sue-and-Labour-Klausel gelten. Voraussetzung ist, dass die Maßnahme notwendig war, um einen größeren Schaden zu verhindern, und dass sie dokumentiert und idealerweise abgestimmt wurde.
Demurrage und Detention sind klassische Verzögerungskosten und daher meist nicht versichert. In der Praxis bleibt oft nur die Verhandlung mit Reedereien oder die Weitergabe entlang der Lieferkette – abhängig von den Incoterms.
Ob Sie liefern müssen, hängt von der Force-Majeure-Klausel in Ihrem Vertrag ab. Wenn die Blockade als höhere Gewalt anerkannt wird und Sie die Kausalität nachweisen können, können Sie sich von Lieferverpflichtungen temporär lösen.
Bevor Sie Verträge für Logistik oder Versicherungen in kritischen Regionen abschließt, ist eine rechtliche Prüfung daher unverlässlich.
Das hängt vollständig von den Incoterms ab. Bei FOB geht das Risiko früh auf den Käufer über, bei CIF bleibt es länger beim Verkäufer. Gerade bei kriegsbedingten Blockaden entscheidet dieser Zeitpunkt über erhebliche Summen.
Die Zuschläge sind in vielen Fällen massiv gestiegen und können ein Vielfaches der normalen Prämie betragen. Unternehmen müssen diese Kosten kurzfristig in ihre Kalkulation einbauen oder alternative Routen prüfen.
Ja, über spezielle Policen wie Kidnap & Ransom (K&R). Diese greifen bei Entführungen, Festsetzungen oder politisch motivierten Eingriffen gegen Besatzungen. Für viele Reeder ist das aktuell ein zentrales Thema.
Wenn Sie tiefer einsteigen wollen, lohnt sich der Blick auf:
Denn eines ist klar:
Diese Situationen werden nicht verschwinden – sie werden zur neuen Normalität.
Und genau deshalb wird aus Logistik immer mehr strategisches Risikomanagement.
Ob explodierende Standgelder durch geopolitische Konflikte oder schleichende Erlösverluste in Ihrer Logistikkette: Nur wer seine verdeckten Verluste kennt, behält auch in turbulenten Märkten die Kontrolle. Wir machen unsichtbare Kostenfresser ausfindig und decken unerkannte Chancen für Sie auf.

Autorin von Global Insight Group Intelligence:
Michaela Schaaf-Hoffelner verfügt über mehr als 35 Jahre Erfahrung im strategischen sowie technischen Projekt- und Produktmanagement – insbesondere in den Bereichen IT, Steuerungstechnik und Intralogistik. Durch ihre langjährige Arbeit an komplexen Systemen erkennt sie frühzeitig strukturelle Risiken und Brüche in der dynamischen Passung, die in klassischen Analysen oft übersehen werden.
Ihr Fokus liegt darauf, kausale Zusammenhänge und systemische Abhängigkeiten sichtbar zu machen und sie in konkrete strategische Vorteile für Investoren und Entscheider zu übersetzen. Ihre Analysen verbinden tiefes technisches Systemverständnis mit geopolitischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
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